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5.12 Halswirbelsäulendistorsion

Zusatzinfo

Diagnostik in der Akutphase

Bewährt hat sich das systematische Vorgehen nach den „3 C“ (cervical, cranial, cerebral):

Cervical
Die mechanische Einwirkung an den zervikalen Strukturen entspricht bei Ausschluss von Fraktur und Luxation einer Weichteildistorsion, die pathophysiologisch dem klassischen Ablauf der akuten lokalen Entzündungsreaktion, der fibroblastischen Phase und der Reparationsphase folgt.

Cranial
Akutbefunde: lokalisierter Schmerz, Überwärmung, Schwellung und Funktionseinschränkung. Mögliche kraniale Verletzungen sind eine traumatische Neuropathie des N. occipitalis maior, eine distorsionelle Beteiligung der Kaumuskulatur mit einer temporo-mandibulären Dysfunktion, eine Innenohr-Erschütterung mit Tinnitus, Drehschwindel und Nystagmus oder einem gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel und ophthalmologische Verletzungen, insbesondere die traumatische Netzhautablösung beim älteren oder stark myopen Patienten. Schwankschwindelsymptome und unspezifische funktionelle Sehstörungen sind häufiger Folgen einer zervikalen propriozeptiven Funktionsstörung und sehr schwierig objektivierbar.

Cerebral
Eine Gehirnerschütterung (MTBI: Mild Traumatic Brain Injury) wird durch die anamnestische, noch besser die fremdanamnestische Evidenz einer peritraumatischen Bewusstseinsveränderung nach international anerkannten MTBI-Kriterien diagnostiziert (Ettlin 2007).


Tabelle. Einteilung des Schweregrads einer HWS-Beschleunigungsverletzung nach Quebec Task Force (QTF) bzw. Erdmann*

Schweregrade

0

I

II

III

IV

Symptomatik (Klassifikation n. Quebec Task Force/QTF)

keine HWS-Beschwerden, keine objektivierbaren Ausfälle

nur HWS-Beschwerden in Form von Schmerzen, Steifigkeitsgefühl oder Überempfindlichkeit, keine objektivierbaren Ausfälle

HWS-Beschwerden wie unter I und muskuloskeletale Befunde (Bewegungseinschränkung, palpatorische Überempfindlichkeit)

HWS-Beschwerden wie unter I und neurologische Befunde (abgeschwächte oder aufgehobene Muskeleigenreflexe, Paresen, sensible Defizite

HWS-Beschwerden wie unter I und HWS-Fraktur oder -dislokation

Symptomatik (mod. Klassifikation n. Erdmann)

Keine

Schmerzen der Halsmuskulatur und/oder HWS, die bewegungseingeschränkt sein kann, meist nach Intervall („steifer Hals“)

wie I, aber meist ohne Intervall. Möglich sind sekundäre Insuffizienz der Halsmuskulatur, Schmerzen im Mundboden-/Interskapularbereich, Parästhesien der Arme

wie I und II, primäre Insuffizienz der Halsmuskulatur möglich; Brachialgien, Armparesen, evtl. kurze initiale Bewusstlosigkeit

Hohe Querschnittslähmung, Tod im zentralen Regulationsversagen, meist am Unfallort, Bulbärhirnsyndrom

Die beiden Tabellen entsprechen sich nicht exakt. Näherungsweise gilt: Erdmann 0 = QTF 0, Erdmann I = QTF I/II, Erdmann II = QTF II, Erdmann III = QTF III/IV, Erdmann IV hat keine gute QTF-Entsprechung

* AWMF-Leitlinie „Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule“ (http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/030-095.htm)


Auch technische Befunde tragen nur wenig zur Objektivierung bei: In der Universitätsklinik Friedrichshain, Frankfurt, wurden in 67% der Fälle Röntgenuntersuchungen durchgeführt. Die auf den Röntgenbildern in ca. 25% der Fälle festgestellten Steilstellungen konnte man nicht schlüssig in Zusammenhang mit den Verletzungen bringen (Borchgrevnik et al. 1998).


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