Mader : Fakten - Fälle - Fotos®
Onlineinhalte zum Buch

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

10.1.2 Miktionsstörungen

Zusatzinfo

Wissenswertes

Während in der Allgemeinbevölkerung Problemnegation und Tabuisierung vorherrschen, wird von Seiten der wissenschaftlichen Medizin das Problem oft überbetont und eine undifferenzierte Problemdefinition von der männlichen Physiologie und Anatomie abgeleitet und auf Frauen übertragen. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass feuchte Ausscheidungen (inkl. ungewollter, geringfügiger Harnverluste) unvermeidbar und Teil des Lebens gesunder Frauen sind.

(Quelle: Niederstadt et al. 2007)


Beispiele für brückenbildende Gesprächstechniken

  • „Viele meiner Patientinnen in Ihrem Alter klagen über unfreiwilligen Urinverlust, kennen Sie das auch?“
  • „Andere Männer verlieren nach einer Prostataoperation unfreiwillig Harn, bitte sprechen Sie mich an, wenn es bei Ihnen dazu kommt.“

(Quelle: Struck 2008)

Bewährt hat sich aber auch, die betreffende Patientengruppe so direkt wie möglich gezielt zu befragen, beispielsweise:

  • Haben Sie gelegentlich mal mit dem Wasserhalten Probleme?
    (im Bejahungsfall):
  • Müssen Sie öfters gehen, als Ihnen lieb ist?
  •  „Können Sie das Wasser gut halten, oder geht da schon manchmal unfreiwillig was ab?
    (zusätzlich):
  • Haben Sie schon was dagegen gemacht? Vorlagen? Einlagen? Tabletten vom Apotheker?
  • „Belastet Sie das Problem sehr?

Medikamente, die insbesondere bei älteren Menschen Auswirkungen auf die Kontinenz haben können:

Jede Form der Inkontinenz befördern:

  • Diuretika

Eine Dranginkontinenz befördern:

  • Cholinergika und Cholinesterase-Hemmer,
  • Beta-Rezeptorenblocker

Eine Stress- bzw. Belastungsinkontinenz befördern (z. T. indirekt):

  • ACE-Hemmer,
  • Benzodiazepine,
  • Alpha-Sympatholytika,
  • einige Muskelrelaxantien.

Eine unvollständige Blasenentleerung und infolgedessen evtl. eine Überlaufinkontinenz befördern:

  • Beta-Sympathomimetika,
  • tri- und tetrazyklische Antidepressiva,
  • einige Neuroleptika,
  • Anticholinergika,
  • einige Antiemetika,
  • Phenytoin.

(Quelle: Niederstadt et al. 2007)


Belastungsinkontinenz bei Mann

Ursächlich ist meist die radikale Prostatektomie, schreibt der Urologe Dr. med. Markus Grabbert in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt 2017. Neben Beckenbodentraining stehen heute weitere Möglichkeiten wie Schlingensysteme oder künstlicher Schließmuskel zur Verfügung.
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/belastungsinkontinenz-beim-mann-ueber-die-diagnose-zur-optimalen-therapie-1822533


Die Inkontinenz im Alter

Wissenswertes

  • Die Dranginkontinenz ist die häufigste Inkontinenzform bei älteren Patienten.
  • Bis zu 91 % aller in Heimen lebenden Frauen leiden unter einer Belastungsinkontinenz.
  • 70 % der über 60-Jährigen sprachen nie über die Harninkontinenz, weil sie nie danach gefragt wurden.
  • Nur 20 % erhalten adäquate Therapie.
  • Postmenopausale Frauen mit Dranginkontinenz haben ein höheres Risiko für Stürze und Frakturen als solche ohne.
  • Unangemessene Umgebungsbedingungen im häuslichen Bereich (langer Weg zur Toilette, fehlender Haltegriff, unzureichende Beleuchtung) verschlimmern die Inkontinenzproblematik.
  • In der Diagnostikkaskade sollte die Bestimmung des mentalen Status nicht vergessen werden.
  • Alle zugelassenen Anticholinergika sind ähnlich gut wirksam (Oxybutynin, Tolterodin, Propiverin, Solifenacin, Darifenacin, Trospiumchlorid).
  • Häufige Nebenwirkungen von Anticholinergika sind: Mundtrockenheit (meist in leichter Form); selten: Obstipation und Akkommodationsstörungen, jedoch Schwindel möglich.

(Quelle: M. Bürst 2007. Harninkontinenz und Alter; Bad Orb)


Gezielte Befragung von Frauen mit Harninkontinenz

A.      Dranginkontinenz

  • „Wenn Sie plötzlich Harndrang verspüren, aber keine Toilette in der Nähe ist – geht dann unwillkürlich Urin ab? Wie häufig passiert Ihnen das?“
  • „Verlieren Sie Urin, wenn Sie plötzlich das Gefühl haben, dass Ihre Blase sehr voll ist?“
  • „Kommt es zum Harnträufeln, wenn Sie sich die Hände waschen?“
  • „Geht bei kaltem Wetter unwillkürlich Urin ab?“

B.      Belastungsinkontinenz

  • „Verlieren Sie beim Husten oder Niesen Urin? Nur ein paar Tropfen oder eine größere Menge?“
  • „Geht Harn ab, wenn Sie eine Last heben oder wenn Sie lachen?“
  • „Kommt es beim Joggen oder bei einem flotten Spaziergang zum Urinabgang?“
  • „Verlieren Sie Urin, wenn Sie sich bücken oder vom Stuhl oder Sessel aufstehen?“

(Quelle: Norton 2006)


 

Der Urologe Dr. med. Fünfgeld rät in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt 2016 zum Thema "Harninkontinenz der Frau": "Nachfragen lohnt sich".
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/1764141
Mit demselben Thema  im Hinblick auf die Beckenbodenfunktion befasst sich in einem CME-Beitrag in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt 2009 Dr. med. Gauruder- Burmester. (Volltext siehe unten)

 

Konservative Behandlung der überaktiven Blase

  • Reduktion übermäßiger Trinkmengen (ca. 1,5 l Flüssigkeit/d),
  • ggf. etwa 2 Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr trinken,
  • Trinkmenge gleichmäßig über den Tag verteilen,
  • Reizstoffe vermeiden (Nikotin, Pfeffer, Chili, scharfe Gewürze, säurereiche Getränke),
  • Obstipation vermeiden,
  • unterstützend wirkt ein Blasentraining.

(Quelle: Dannecker et al. 2010)

Gewichtsreduktion

In randomisierter Studie nachgewiesen: Gewichtsabnahme um 5-10 % bei adipösen Frauen ist mit Abnahme der Zahl der Inkontinenzepisoden um 60 % assoziiert (Subak et al. 2005).


Miktionsprotokoll

Erfasst wird, ob und zu welcher Zeit eine bestimmte Menge Urin gelassen wird, zu welcher Zeit und in welchem Ausmaß es zu unkontrolliertem Urinabgang kommt. Die dabei verlorene Urinmenge kann durch Beobachtung oder durch Sammeln und Wiegen der Inkontinenzvorlagen (Pad-Test) festgestellt werden. Parallel dazu wird das Trinkverhalten dokumentiert. Die Informationen werden tagsüber alle 2–3 h, nachts in 3-bis 4-stündigen Intervallen erhoben.


Tabelle. Zusammenstellung verschiedener pflanzlicher Drogen (Auswahl) nach Indikationen bei Erkrankungen der ableitenden Harnwege und der Prostata

Indikation

Pflanzliche Drogen (Auswahl)

Wirkstoffe

Entzündungen der ableitenden Harnwege

Bärentraubenblätter

Bruchkraut

Kapuzinerkresse

Arbutin/Hydrochinon

Ätherische Öle/Saponin

Benzylsenföl

Nieren- und Harnleitersteine

Färberröte/Krapp und weitere pflanzliche

Bestandteile

Alizarin

U.a. Aeszin

Reizblase/vegetatives

Urogenitalsyndrom

Zwergpalme

Kürbissamen und weitere pflanzliche Bestandteile

Ätherische Öle/Sitosterin

Kavapyrone

Phytosterole

Arbutin

Bettnässen

Johanniskraut/Gewürzsumach und weitere pflanzliche

Bestandteile

Hyperizin

Ätherisches Öl/Gerbstoff

Benigne Prostatahyperplasie

(Prostataadenom)

Brennesselwurzel

Kürbissamen und weitere pflanzliche Bestandteile

Hypoxis rooperi

Zwergpalme

Phytosterole


 

Tabelle Beispiele für Gelegenheiten oder Personenkreise, das Problem Harninkontinenz anzusprechen

 

 

  • Früherkennungsuntersuchungen (Männer und Frauen)

  • Gesundheits-Check-up

  • Ganzkörperuntersuchung (»Status«)

  • Körperliche Untersuchung im Rahmen der präoperativen Diagnostik

  • Patienten, v. a. Pflegepatienten, im Rahmen des Hausbesuches

  • Altersheimbewohner und/oder deren Pflegedienste

  • Im Zusammenhang mit Urindiagnostik in der Praxis

  • Angehörige, die über gebrechlicher werdende Familienmitglieder/Ehepartner berichten

 







Miktionsprotokoll
Beispiel für ein Miktionsprotokoll

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Copyright 2014-2020 • Prof. Dr. med. Frank H. Mader