Mader : Fakten - Fälle - Fotos®
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12.6.1 Alkohol

Zusatzinfo

Wissenswertes

9,5 Mio Menschen in Deutschland zeigen einen riskanten Alkoholkonsum, d. h. Konsum von > 12 g Reinalkohol/d bei Frauen und > 24 g Reinalkohol/d bei Männern. Etwa 2 Mio Menschen betreiben einen Alkoholmissbrauch. Die Zahl der alkoholabhängigen Patienten wird in Deutschland auf ca. 1,3 Mio geschätzt. Alkoholbedingte Todesfälle in Deutschland jährlich ca. 40.000.

Mit einem Verbrauch von 10,5 l reinem Alkohol/Kopf gehört Deutschland zur Spitzengruppe der Alkoholkonsumenten.

Eltern unterschätzen den Alkoholkonsum ihrer Kinder.

Zwischen dem ersten Auftreten der Symptome einer Abhängigkeit und der erstmaligen Behandlung vergehen im Durchschnitt 10 Jahre ungenutzt. Gelänge es besser, die Betroffenen zu erkennen und z.B. 40% einer Beratung und Behandlung zuzuführen, ließen sich nach einer Modelltrechnung pro Jahr rund 2000 alkoholbedingte Todesfälle vermeiden (Wodarz et al 2016).

Die körperlichen Folgen von Alkohol entwickeln sich geschlechtsspezifisch unterschiedlich schnell: So zeigen Frauen in bildgebenden Untersuchungen eine erhöhte Vulnerabilität (Diehl u. Mann 2009).

Deutschland verfügt über ein vergleichsweise differenziertes Betreuungs- und Behandlungsangebot Alkoholkranker. Derzeit existieren insgesamt 934 Beratungsstellen, 9.500 Therapieplätze für Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit und 5.100 Plätze für qualifizierte Entgiftung. Die ca. 7.500 Selbsthilfegruppen in Deutschland bestehen aus etwa 120.000 Teilnehmern (Bloomfield et al. 2008).


Tabelle. Anhaltspunkte zur Bestimmung der reinen Alkoholmengen

Menge und Getränk

Alkoholgehalt

Alkoholmenge [ml]

1,0 l Bier

ca. 4%

40

0,7 l Wein

ca. 10%

70

0,7 l Sekt

ca. 12%

84

0,7 l Südwein

ca. 20%

140

0,7 l Likör

ca. 30%

210

0,7 l Schnaps

ca. 40%

280

1 kl. Schnaps

ca. 0,02 l

8

1 gr. Schnaps

ca. 0,04 l

16


Tabelle. Häufigkeit (Rang) des Beratungsergebnisses »Alkoholismus« in allgemeinmedizinischen Praxen in Österreich, in der Schweiz und in Frankreich/Paris

Beratungsergebnis

Österreich
Braun (1986)

Schweiz
Landolt-Theus (1992)

Frankreich
Sourzac u. Very (1991)

Österreich
Danninger (1997)

Österreich
Fink (2007)

1954–1959

1977–1980

1983–1988

1988–1990

1991–1996

1989-1999

Alkoholismus

146

56

116

106

131

105


Tabelle. Einteilung der Prägnanztypen der Alkoholiker. (Mod. nach Jellinek)

Gruppe

Jellinek-Typ

Art

Menge

Wann

Gefährdungs-

struktur

Sucht- kriterien

Intoxikations-

schäden

1

Normalverbraucher

Konventionelles Trinken (Sitte)

Kleine Mengen (Durst)

Regelmäßig oder unregelmäßig

2

Erleichterungstrinker

α

Undiszipliniertes Trinken

Exzesse

Besonderer Anlass

3

Gelegenheitstrinker

β

Undiszipliniertes Trinken

Exzesse

(Wochenende)

4

Kontakttrinker

γ

Süchtiges Trinken

Missbrauch

Regelmäßig zu viel

+

+

+

5

Konflikttrinker

γ

Süchtiges Trinken

Missbrauch

Regelmäßig zu viel

+

+

+

6

Gewohnheitstrinker

δ

Undiszipliniertes Trinken

Missbrauch

Regelmäßig zu viel

+

7

Quartaltrinker

ε

Süchtiges Trinken

Missbrauch

Periodisch zu viel

+

+

Frankreich zählt mehr δ-Typen (Weinbau), Deutschland mehr γ-Typen. Die Gruppen 2–7 sind Alkoholiker im weitesten Sinne; die Gruppen 5–7 sind Alkoholkranke mit psychischer und physischer Abhängigkeit (Intoxikation). Gruppe 4 ist vorwiegend physisch abhängig (Intoxikation).


Marker für Alkoholprobleme

MCV und γ-GT werden in der Regel als „Marker für Alkoholprobleme“ gesehen. Sie besitzen zwar eine recht niedrige Sensitivität (etwas > 30 %), jedoch eine hohe Spezifität. D. h., dass ein Normalwert beider Parameter Alkoholmissbrauch mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließt.

(Quelle: Dresch u. Bawidamann 2007)

Das CDT ist erhöht bei Konsum von über 50 g Alkohol/ Tag. Es kann in Situationen nützlich sein, bei denen die γ-GT trotz überhöhten Konsums normal bleibt oder wenn die γ-GT trotz Abstinenzerklärungen des Patienten hoch bleibt (Sensitivität 60%, Spezifität 90%; Gache et al. 2003).


CAGE-Test als Screening-Maßnahme für eine Alkoholgefährdung

Cut down: Haben Sie versucht, Ihren Alkoholkonsum zu reduzieren?
Gerade mit immer wieder unterbrochenen Trinkpausen versucht ein Alkoholiker, sich und seiner Umgebung zu beweisen, dass er sein Problem im Griff hat. Auch sollte die Beschreibung von bestimmten persönlichen Ritualen wie z. B. „nie vor einer bestimmten Uhrzeit“, „nie zu Hause“, „nie in der Öffentlichkeit“, „keine harten Sachen“ usw. die Aufmerksamkeit des Hausarztes erhöhen.

Annoyance: Haben andere Personen Ihr Trinkverhalten kritisiert und Sie damit verärgert?
Klagt z. B. die Ehefrau des Alkoholikers ihrem Hausarzt ihr Leid mit der inständigen Bitte, nichts davon ihrem Mann zu erzählen, da sie sonst großen Ärger zu Hause bekäme? Werden ärztliche Nachfragen nach Problemen mit Alkohol erzürnt verneint, dann muss dies nicht immer auf einer irrtümlichen Unterstellung beruhen.

Guilty: Schuldgefühle
Hierunter können alle Taten unter Alkohol zusammengefasst werden, deren Folgen nachher bereut werden müssen, wie z. B. Führerscheinentzug, Gewalttätigkeiten, peinliche Gedächtnislücken, sexuelle Exzesse oder auch Situationen als Opfer von Übergriffen, die durch alkoholbedingte Hilflosigkeit stattfanden.

Eye-Opener:
Wer morgens seinen Alkoholspiegel wieder anheben muss, um über den Tag zu kommen, befindet sich in der chronischen Abhängigkeitsphase und wird auch in der Sprechstunde die deutlichen Zeichen seiner Abhängigkeit nicht verbergen können.

Die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholmissbrauchs beträgt bei einer positiven Antwort 62 %, bei zwei positiven Antworten 89 % und bei drei und vier positiven Antworten 99 %.

 

Alcohol Use Disorders Idengtification Test (AUDIT)
http://auditscreen.org./

In Deutschland hat sich ein cut-off von 5 Punkten bei Männern und 4 Punkten bei Frauen bewährt. Eine höhere Spezifgitäöt wird mit Erhöhung des cut-off auf 6 Punkte erreicht.


Tabelle. Motivationsstadien, die zu einer Verhaltensänderung führen können (Dresch u. Bawidamann 2007)

Absichtslosigkeit

Patient denkt nicht über eine Änderung nach

Absichtsbildung

Patient denkt über eine Änderung nach, ist aber noch unentschlossen

Vorbereitung

Patient hat sich entschieden, etwas zu ändern

Handlung

Patient hat bereits begonnen, etwas zu ändern

  • Ansatzpunkte suchen, wo sich der Patient oder sein Umfeld über den Alkoholkonsum Gedanken macht (z. B. Gesundheit, Arbeit, Familie)
  • Information anbieten
  • Vor- und Nachteile des Alkoholkonsums aus Sicht des Patienten beleuchten
  • Besorgnisse erfragen
  • Entscheidungsfindung fördern, aber nicht drängen
  • Optionen zur Verhaltensänderung anbieten (Reduktions- oder Abstinenzversuch, weitergehende Hilfe)
  • Plan erstellen (der Patient entscheidet)
  • im Entschluss bekräftigen
  • Ziele überprüfen (Abstinenz, Reduktion, Inanspruchnahme von Hilfe)
  • Überprüfung des Erfolges

Behandlungsstrategien

Die Behandlung Alkoholkranker lässt sich in die Kontaktphase, Entgiftungs- bzw. Entzugsphase, Entwöhnungsphase und Weiterbehandlungs- bzw. Nachsorgephase unterteilen (Feuerlein et al. 1998).

 

Zentrale Rolle des Hausarztes

Der klinische Suchtmediziner Prof. Dr. med. Norbert Wodarz und Mitarbeiter zeigen in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt (2017) anhand der S3- Leitlinie auf, wie der Hausarzt, ggf. in Zusammenarbeit mit Spezialisten eine mögliche Alkoholabhängigkeit bei seinen Patienten erkennen und behandeln kann.
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/zentrale-rolle-fuer-den-hausarzt-1817636


Alkoholprobleme bei Kollegen

"Keine falsch verstandene Kollegialität und Tabuisierung" fordert der Allgemeinarzt und Suchtmediziner Dr. med. Christoph von Ascheraden in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt (2017) und zeigt dies anhand einer Kasuistik.
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/was-tun-wenn-es-kollegen-trifft-1817632


Praktische Tipps zur Gesprächsführung (Diehl u. Mann 2009)

Statt der konfrontativen Methode „Ihre Laborwerte weisen klar darauf hin, dass Sie Alkoholiker sind, so können Sie nicht weitermachen!“ vermeidet die Formulierung „Alkoholkonsum kann zu Organschäden führen, die sich durch Laborveränderungen zeigen, wie wir sie bei Ihnen gerade fanden. Haben Sie sich schon einmal Sorgen um Ihren Alkoholkonsum gemacht?“ jegliches Label und betont die Bewertung des Patienten selbst. Die Entscheidung zu einer Veränderung kann nur der Patient selbst fällen, der Arzt kann aber bei der Entscheidungsfindung helfen.

„Sie machen sich offensichtlich große Sorgen um die drohenden langfristigen Organschäden. Auf der anderen Seite haben Sie derzeit Laborveränderungen, die diese Organschäden ankündigen.“verdeutlicht die Diskrepanz zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand (Soll-Zustand auch aus der Sicht des Patienten).

Kommt es doch zu Widerstand des Patienten (Bagatellisieren, Unterbrechen, Schuldzuweisung, …), sollte nicht auf Gegenargumente direkt reagiert werden. Der Widerstand kann eventuell aufgehoben werden durch wertfreies Wiederholen dessen, was der Patient gesagt hat, verbunden mit dem Umschreiben der emotionalen Komponente des Gesagten. „Sie möchten in keinem Fall in die abwertende Schublade „Alkoholiker“ gesteckt werden! Könnte man denn sagen, dass Sie trotzdem durch den Alkohol schon Schäden oder unangenehme Folgen erlebt haben?“

Bei den vielen unangenehmen Botschaften ist es wichtig, eine Perspektive mit dem Patienten zu erarbeiten und das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit zu stärken. „Die Tatsache, dass Sie es bereits in der Vergangenheit geschafft haben, einige Wochen ganz abstinent zu leben, spricht dafür, dass Sie es auch in Zukunft noch länger schaffen können. Ich möchte Ihnen gerne ein paar Informationen geben, wie Sie die Chancen weiter verbessern können.“


Medikamentöse Therapieoptionen

Acamprosat verlängert die trinkfreien Tage nach abgeschlossenem Alkoholentzug und die Abstinenzzeit auch bei ambulanter Therapie.

 

Notfallplan bei Rückfall („Absturz“)

  • Sofortiges Verlassen des Ortes, an dem Alkohol konsumiert wird.
  • Aufsuchen einer schützenden Umgebung.
  • Nüchtern werden.
  • Freunde in der Selbsthilfegruppe anrufen.
  • Professionelle Hilfe aufsuchen (Arzt, Suchtberatungsstelle).

Rückfallmanagement

Bei einem Rückfall sollte der Hausarzt nicht wertend, sondern entdramatisierend intervenieren („Rückfälle sind Teil der Erkrankung. Wichtig ist es jetzt zu überlegen, wie Sie es schaffen, trocken weiterzuleben.“) (Banas 2011)


Internetadressen

www.selbsthilfegruppen.alkohol-hilfe.de

 

Informationsmaterial

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V.: www.dhs.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.bzga.de


Tabelle. Medikamente zur Therapie der Alkoholabhängigkeit (Soyka 2007)

Alkoholentzugssyndrom

Evidenzbasierung

Benzodiazepine

A

Carbamazepin

B

Betablocker

C

Clonidin

C

Chlomethiazol

A

Pharmakogestützte Rückfallprophylaxe

 

Acamprosat

A

Naltrexon

A

Carbamazepin

C

Disulfiram

B

Topiramat

B

A: gut; B: mittelmäßig; C: minimal


Nach der Entzugsbehandlung sollte sich im Idealfall eine Entwöhnungsbehandlung in der Regel in Trägerschaft der Rentenversicherer anschließen mit dem Ziel der Sicherung und Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit auf dem Boden zu erwerbender Abstinenzkompetenz. Die Abstinenzrate beträgt im Schnitt beachtliche 50 %.


Alkohol erhöht Krebsrisiko bei Frauen

Bereits ein alkoholisches Getränk am Tag erhöht bei Frauen das Krebsrisiko. Nach den Ergebnissen einer prospektiven Beobachtungsstudie im Journal of the National Cancer Institute begünstigt Ethanol neben dem Brustkrebs auch Malignome in Darm, Leber und – als Kofaktor zum Rauchen – im Kopf-Hals-Bereich. Für das Mammakarzinom ist eine solche Assoziation bereits bekannt, die aktuellen Ergebnisse bestätigen sie: pro alkoholischem Getränk am Tag (10 Gramm reiner Alkohol) steigt das Risiko um relativ 12 %. Die Autoren vermuten, dass es an allen Orten des Körpers zu einer schädlichen Wirkung des Ethanolmetaboliten Acetaldehyd kommt. Diese toxische Substanz ist nicht nur für den „Kater“ verantwortlich, sie kann auch die DANN schädigen bzw. deren Reparatur behindern.

(Quelle: JNCI 2009; 101:296-305)


Nachteile der stationären Behandlungsform:

  • Der Patient wird aus seinen realen Lebensbezügen, in denen das zu therapierende Trinkverhalten auftritt, herausgenommen.
  • Bei längerfristigen Therapien können Hospitalisierungseffekte auftreten.
  • Der Aufenthalt in einer Alkoholiker- bzw. psychiatrischen Klinik bringt meist eine Stigmatisierung mit sich, die oft eine frühzeitige Therapiebereitschaft verhindert oder erschwert.

Dem gegenüber bestehen aus verhaltenstherapeutischer Sicht möglicherweise auch Vorteile:

  • Für den Patienten erfolgt eine kurzfristige Befreiung aus einer aversiven Lebenssituation.
  • Ungünstige Verstärkerbedingungen werden ausgeschaltet.
  • Das problematische Verhalten wird therapeutisch intensiv kontrolliert.
  • Beim Aufbau des erwünschten Verhaltens ist meistens eine sichere Umgebung vorhanden.

Fetales Alkoholsyndrom (FAS) (engl. Fetal Alcohol Spectrum Disorder/FASD)

Nur 2 von 10 Frauen verzichten während der Schwangerschaft völlig auf Alkohol. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise 2.000 bis 4.000 Neugeborene mit dem Bild des FAS geboren. Damit ist FAS die häufigste Ursache für angeborene Behinderung. FAS ist eine der wenigen Erkrankungen der Medizin, die komplett einfach durch den Verzicht auf Alkohol in der Schwangerschaft verhindert werden kann. Kinder mit FAS wurden bislang häufig nicht oder erst nach mehreren Jahren diagnostiziert. 2012 wurde die erste S3-Leitlinie „Diagnostik des FAS“ in Kurz- und Langfassung vorgelegt. FAS ist nach Aussagen der FHO die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung in der westlichen Welt. Obwohl viele Menschen mit FAS eine geistige Retardierung haben, weisen die meisten einen IQ im normalen Bereich auf. Betroffene haben ernste Probleme mit ADS, Impulsivität, Wahrnehmungen und Gedächtnis. Während viele der physischen Merkmale von FAS mit der Pubertät weniger werden, werden Verhaltens- und emotionale Probleme mit der Pubertät deutlicher.

http://drogenbeauftragte.de/presse/pressemitteilungen/2012-04/erste-leitlinie-zur-diagnose-von-fas.html

Weitere Informationen über FASD-Deutschland e. V.

http://www.fasd-deutschland.de

S3-Leitlinie 2015 "Alkoholbezogene Störungen. Screening, Diagnose und 
Behandlung"

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/076-001.html


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