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13.6.1 Gewichtszunahme, Adipositas

Zusatzinfo

Praxisalltag

Arzt und Patient wissen gleichermaßen gut, dass alle Wege, langfristig zu einer Gewichtsreduktion zu gelangen, recht mühselig und schwierig sind. Alle Frühjahrs-, Fasten- oder Fitnesskuren haben eines gemeinsam: Der Erfolg ist meist nur von kurzer Dauer. Die anfängliche Begeisterung über den raschen Verlust der ersten Pfunde weicht bald der Resignation, wenn die Gewichtsabnahme stagniert oder man gar wieder zunimmt (»Jojo-Effekt«).

Unkontrolliertes Ess- und Trinkverhalten (Fernsehknabbereien, gewohnheitsmäßiges Naschen, Spätmahlzeiten, schnelles Essen, Heißhunger, alkoholische Getränke) machen auf lange Sicht meist den Vorsatz zum Abspecken zunichte. Ebenso sind eine ungünstige Speisenzusammensetzung (fette Hausmannskost – »Fett macht fett« –, Kohlenhydratemast) oder Unkenntnis über den Energiegehalt der Nahrungs- und Genussmittel (z. B. von Bier und hochprozentigen alkoholischen oder gesüßten Getränken, von Back- und Bratfetten, von Eiscreme) dazu angetan, eine Gewichtsabnahme zu verhindern.

Die Verhaltensänderung in Selbsthilfegruppen erfolgt in kleinen Schritten. Dies geschieht deswegen, weil sich die Essgewohnheiten über viele Jahre hinweg eingeschliffen haben. Es soll dem Patienten bewusst gemacht werden, dass er allein es ist, der für den Behandlungserfolg verantwortlich ist. Allzuviel darf aber auch davon nicht erwartet werden. Viele Teilnehmer scheren bald wieder aus.


Praktische Empfehlungen zur Ernährungstherapie bei Übergewicht/Adipositas 
- Ernährungsinformation und -schulung inkl. Nährwerttabellen
- Reduzierung der Energiezufuhr um 500-600 kcal/Tag auf der Grundlage eines Ernährungsmodells
- Weniger fettreiche Lebensmittel und fettarme Zubereitungsarten
- Reichlich Gemüse, Salate, Obst, Vollkornprodukte
- Ausreichende Proteinzufuhr, auf Wunsch und bei intakter Nierenfunktion höhere Eiweißzufuhr
- Ausschließlich kalorienfreie Getränke (bei Wunsch süßstoffgesüßte Alternativen)
- Zwischenmahlzeiten und Snacks nach Möglichkeit ganz meiden
- Monitoring der Nahrungsaufnahme
- Regelmäßige Gewichtskontrolle
(Quelle: Hauner 2015)

 

Adipositas und Insulinresistenz 

Den Zusammenhang von Übergewicht/ Adipositas und Insulinresistenz, die zu Fettstoffwechselstörungen führt, beschreibt der Fettstoffwechselforscher Prof. Dr. Werner O. Richter in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt (2017).
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/gestoerten-fettstoffwechsel-in-den-griff-kriegen-1810650
 


Übersicht. Empfehlenswerte Programme zur Gewichtsabnahme bei adipösen Diabetikern

Empfehlenswerte Programme bei Diabetes

Programm

bei einem BMI

„Ich nehme ab“ (DGE)

Von 25 bis 35 kg/m2

Weight Watchers

Von 25 bis 35 kg/m2

Precon BCM Diät (Precon GmbH)

Von 30 bis 40 kg/m2

M.O.B.I.L.I.S (M.O.B.I.L.I.S e.V)

Von 30 bis 40 kg/m2

Bodymed-Ernährungskonzept (Bodymed AG)

Von 30 bis 40 kg/m2

Optifast 52 (Nestlé)

ab 35 kg/maufwärts

DocWeight (BDEM,VDD)

ab 35 kg/maufwärts

Quelle: Diabetes Journal (2016) 3:72. Mit freundlicher Genehmigung Kirchheim Verlag


Übersicht. Medikamente, welche eine Gewichtszunahme begünstigen können

Antidiabetika:

Insulin, Sulfonylharnstoffe, Glinide, Glitazone

  • Sofern möglich ersetzen/ergänzen durch:
    Metformin, α-Glukosidasehemmer, Gliptine, Inkretinanaloga

Antihypertensiva:

Betablocker

  • Sofern möglich ersetzen/ergänzen durch:
    ACE-Hemmer, Angiotensinrezeptorenblocker, Kalziumantagonist, Diuretikum, Mineralokortikoidrezeptorantagonist

Antidepressiva/Antiepileptika:

u. a. Amitriptylin, Fluoxetin, Imipramin, Paroxetin, Pregabalin, Vigabatrin, Valproinsäure: Nahezu alle Antidepressiva und die meisten Antiepileptika begünstigen eine Gewichtszunahme.

  • Sofern möglich prüfen/ersetzen, ergänzen durch: Citalopram, Sertralin, Bupropion, Topiramat, Zonisamid

 

S3-LL Adipositas. Prävention und Therapie (2014)

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/050-001.html


Internet-Adressen zur Kalkulation des kardiometabolischen Risikos:

 

Anmerkung: Die Studien unterscheiden sich u. a. in der Alters- und Komorbiditätstruktur der untersuchten Populationen, die prognostischen Scores variieren. In der Praxis erweist es sich als hilfreich, mehrere Kalkulatoren zu nutzen, auch wenn der Patient nicht genau alle Einschluss- bzw. Ausschlusskriterien erfüllt (Iwen et al. 2011).


Klassifikation des Körpergewichts anhand des BMI (WHO 2000)

Body Mass Index (BMI)

Gewicht/Größe2

kg/m2

 

Einteilung gemäß WHO:

 

 

Untergewicht

< 18,4

 

Normalgewicht

18,5-24,9

 

Übergewicht

25-29,9

 

Adipositas Grad I

30-34,9

 

Adipositas Grad II

35-39,9

 

Adipositas Grad III

> 40


Adipositas bei Kinder und Jugendlichen

Kasuistiken, mögliche Komorbiditäten, rationelle Diagnostik sowie sinnvolle und praktikable Hilfestellungen für den Hausarzt vor dem Hintergrund ambulant oder Reha enthält die Übersichtsarbeit der Berliner Sozialpädiaterin Dr. med Birgit Jödicke in der Zeitschrift Der Allgemeinarzt 2016.
http://www.allgemeinarzt-online.de/a/1790311

Ausführliche Arbeitsblätter nach der Babeluga- Baustellenmethode, zusammengestellt nach den LL verschiedener pädiatrischer Fachgesellschaften,  zum Herunterladen unter
https://www.hogrefe.ch/downloads/babeluga-baustellen-material


Fallbeispiel

Kasuistik 13.6.1-1: „Mein Vater war auch so dick“

Eine 35-jährige Frau, Nullipara, Nichtraucherin, spricht am Ende der Check-up-Untersuchung den Hausarzt auf ihr offensichtliches Übergewicht an (113 kg bei 167 cm Größe = BMI 40,5; Taillenumfang: 105 cm): „Ich trau mich schon gar nicht mehr ins Schwimmbad oder ins Fitnessstudio. Bei mir war der Vater auch so dick.“ Vor 4 Wochen in der Klinik präoperative Diagnostik wegen Sprunggelenksfraktur Weber C. Die vorliegenden Klinikwerte verraten u. a.: NBZ 88 mg/dl; HbA1c 5,3 %.

Stichwörter: Adipositas Grad III bei gesunder 35-jähriger Frau – Diskussion der Gewichtsreduktion

Kommentar:

Bei dieser Patientin, die keine Vorerkrankungen, keinen Nikotinkonsum, keine Medikamenteneinnahme und familiär keinen Diabetes aufweist, ergibt sich aufgrund verschiedener Risikorechner ein nicht über 5 % hinausgehendes Risiko für die Entwicklung kardiovaskulärer Komplikationen oder einer Zuckerkrankheit. Der Schluss „übergewichtiger Patient = kranker Patient“ ist nicht immer richtig und trifft in diesem Fall nicht zu.

Bei einem BMI von 40,5 liegt bereits eine Adipositas mit bereits Grad III vor.

Seltene sekundäre Adipositasformen (1-5 %) sollten ausgeschlossen werden (am häufigsten latente, subklinische Hypothyreose). Gewichtsinduzierende Medikamente wie z. B. atypische Neuroleptika, Betablocker oder Antidiabetika, die das Gewicht jedoch nur um wenige Kilogramm erhöhen, scheiden in diesem Fall aus.

Das Behandlungsziel muss individuell mit der Patientin festgelegt werden. Die Beratung sollte Empfehlungen zur gesunden Lebensführung mit körperlicher Aktivität (täglich mind. 20 min) und ausreichend Schlaf (7,5 h) umfassen. Verschiedene weitere Möglichkeiten der Gewichtssenkung wie Fettreduktion der Gesamtenergieaufnahme über Senkung der Energiedichte und Begrenzung der Portionsgrößen bei Berücksichtigung der Essvorlieben der Patientin sollen angesprochen werden. Offen ist aber auch darauf hinzuweisen, dass eine Stabilisierung des Gewichtserfolges nur bei einer Minderheit von 10-20 % über einen langjährigen Zeitraum gelingt.

(Iwen et al. 2011; Hauner 2011)

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